Dharamsala – Little Lhasa
Seit über sechs Jahrzehnten Heimat der tibetischen Exilgemeinschaft.
Hinduismus, Buddhismus und Christentum – gelebte Vielfalt von den Tempeln des Alltags über Dharamsala bis zu den Kirchen und Festen in Goa und Kerala.
Der Hinduismus ist keine einheitliche Kirche und kein in einem einzigen Buch festgelegtes System. Er ist vielmehr ein weit verzweigtes Geflecht aus Überlieferungen, Ritualen, Philosophien und lokalen Praktiken, das über Jahrtausende auf dem indischen Subkontinent gewachsen ist. Für Hunderte Millionen Menschen in Indien ist er der selbstverständliche Rahmen des Alltags: von morgendlichen Gebeten und Tempeln in der Nachbarschaft bis zu den großen Festen des Jahreskreises.
Zentral sind Vorstellungen von Dharma (der richtigen Ordnung des Handelns), von Wiedergeburt und von der Möglichkeit, sich dem Göttlichen auf sehr unterschiedlichen Wegen zu nähern – durch Wissen, Hingabe, rituelle Handlung oder asketische Übung. Es gibt unzählige Gottheiten und Erscheinungsformen; Vishnu, Shiva, Devi und Ganesha gehören zu den bekanntesten, doch daneben stehen unzählige regionale und familiäre Schutzgottheiten.
Heilige Schriften wie die Veden, die Upanishaden, die Bhagavad Gita und die großen Epen Ramayana und Mahabharata prägen Denken und Erzählkultur. Gleichzeitig ist der Hinduismus stark ortsgebunden: Tempel, Flüsse, Berge und lokale Feste geben ihm eine konkrete, sichtbare Gestalt. Genau diese Verbindung aus philosophischer Tiefe und alltäglicher Praxis macht ihn zu einer der prägendsten Kräfte der indischen Gesellschaft – und zum Ausgangspunkt für das Zusammenleben mit anderen Religionen.
Das Prinzip „Unity in Diversity“ – Einheit in der Vielfalt – beschreibt nicht nur die Sprachen und Volksgruppen Indiens, sondern auch den religiösen Raum, in dem Hinduismus, Islam, Christentum, Sikhismus, Jainismus, Buddhismus und weitere Traditionen nebeneinander existieren.
Der Buddhismus entstand in Indien und prägte über Jahrhunderte Philosophie, Kunst und Klosterkultur. Später verlagerte sich sein Schwerpunkt nach Zentral-, Ost- und Südostasien. In der Gegenwart ist Indien erneut zu einem wichtigen Ort für tibetischen Buddhismus geworden – nicht zuletzt durch die Aufnahme des Dalai Lama und tibetischer Flüchtlinge.
Seit 1959 hat Indien dem 14. Dalai Lama und zehntausenden Tibetern Zuflucht gewährt. Unter Premierminister Jawaharlal Nehru erhielt der Dalai Lama politisches Asyl. Dharamsala (besonders McLeod Ganj) in Himachal Pradesh wurde zum Sitz der tibetischen Exilregierung und zu einem lebendigen Zentrum tibetischer Kultur und buddhistischer Praxis – oft „Little Lhasa“ genannt. Klöster, Schulen und kulturelle Einrichtungen entstanden neu – mit dem Raum und der Unterstützung, die Indien gewährte.
Der Dalai Lama hat wiederholt betont, wie dankbar die tibetische Gemeinschaft für diese Aufnahme ist. Indien hat damit nicht nur humanitär gehandelt, sondern aktiv dazu beigetragen, dass tibetischer Buddhismus und tibetische Kultur weiterleben können. Das ist ein konkretes Beispiel für die Fähigkeit, andere Traditionen aufzunehmen, ohne die eigene Vielfalt aufzugeben.
Seit über sechs Jahrzehnten Heimat der tibetischen Exilgemeinschaft.
Aufnahme und Schutz als Ausdruck humanitärer und kultureller Großzügigkeit.
Hinduistische, buddhistische, christliche und weitere Traditionen nebeneinander.
An der Westküste Indiens wird das Nebeneinander von Hinduismus und Christentum besonders sichtbar: in Kerala und in Goa. Hier begegnen sich die Traditionen im Alltag – in Festen, Architektur, Küche und Nachbarschaft. Beide Regionen waren über Jahrhunderte Knotenpunkte des Handels im Indischen Ozean. Mit dem Handel kamen Menschen, Sprachen und Glaubensformen.
In Kerala reicht die christliche Präsenz nach der Tradition bis ins 1. Jahrhundert zurück. Die Thomaschristen führen ihre Wurzeln auf den Apostel Thomas zurück. Historisch belegt ist eine frühe christliche Präsenz spätestens ab dem 3./4. Jahrhundert – lange vor der europäischen Kolonialzeit. Diese Gemeinden lebten in enger Nachbarschaft zu hinduistischen Gemeinschaften, übernahmen lokale Sprache und Formen des Zusammenlebens und behielten zugleich ihre liturgische Eigenständigkeit. Entstanden ist eine eigene indische christliche Identität – sichtbar etwa in syrischen Liturgien in einem hinduistisch geprägten Kulturraum.
Goa wurde im 16. Jahrhundert zum Zentrum der portugiesischen Präsenz in Indien. Große Kirchen entstanden – darunter die Basilika Bom Jesus – und eine indo-portugiesische Kultur. Gleichzeitig blieb der Hinduismus in Dörfern und Familien lebendig. Hinduistische und christliche Feste finden im selben Kalenderjahr statt; Nachbarn nehmen am öffentlichen Leben der Feste der jeweils anderen Gemeinschaft wahr. Die Kolonialgeschichte war oft gewaltsam – und doch ist daraus über die Jahrhunderte eine Form des Zusammenlebens entstanden, die viele Goaner als Teil ihrer Identität sehen.
Der hinduistische Festkalender strukturiert das Jahr in vielen Orten Goas und Keralas sehr konkret.
Ganesh Chaturthi (meist August/September): Figuren des Gottes Ganesha werden verehrt und am Ende in einem Zug zum Wasser gebracht. Oft ein mehrtägiges Ereignis mit Musik und Nachbarschaftshilfe; auch christliche Nachbarn sind häufig als Zuschauer oder Helfer präsent.
Diwali, das Lichterfest, bringt Lampen, Süßigkeiten und Familienbesuche. In gemischt-religiösen Vierteln lädt man sich gegenseitig ein oder teilt zumindest die Stimmung. Onam in Kerala – ein Ernte- und Kulturfest mit starken hinduistischen Bezügen – wird von vielen Keraliten unabhängig von der Religionszugehörigkeit gefeiert: mit Blumenteppich, Festmahl (Onam Sadya) und Bootswettbewerben. Ein ursprünglich hinduistisch geprägtes Fest ist hier zur gemeinsamen regionalen Kultur geworden.
Das Christentum in Goa ist römisch-katholisch und folgt dem kirchlichen Jahreskreis. Gleichzeitig haben sich Formen und die öffentliche Dimension der Feste durch das indische, hinduistisch mitgeprägte Umfeld verändert.
Ostern: Die Karwoche ist sichtbar – Prozessionen, Kreuzverehrung, Osternacht. Die öffentliche Dimension ist stark: Prozessionen ziehen durch die Straßen. Nachbarn kennen den Ablauf und nehmen die Atmosphäre wahr. Die Feier bleibt theologisch christlich, in der Form aber lokal und indisch gefärbt.
Weihnachten und das Fest des Heiligen Franz Xaver verbinden Liturgie mit familiären und nachbarschaftlichen Elementen. Wallfahrt und Prozessionen machen Heiligenverehrung zu einem öffentlichen, örtlich verwurzelten Ereignis – vergleichbar in der öffentlichen Dimension mit hinduistischen Tempelfesten, ohne deren Inhalt zu übernehmen.
Typische Unterschiede zu einem rein europäisch geprägten Christentum: stärkere Öffentlichkeit, häufigere und größere Prozessionen, Nachbarschaft über Religionsgrenzen hinweg, lokale Ästhetik in Musik und Speisen sowie parallele Festkalender im selben öffentlichen Raum.
Die Westküste war über Jahrtausende Teil großer Handelsnetze. Mit dem Handel kamen Religionen und Sprachen. Wandel bedeutete hier oft nicht das Verschwinden des einen, sondern Überlagerung und gegenseitige Beeinflussung. Für die Gegenwart heißt das: Respekt vor dem religiösen Alltag des anderen, geteilte öffentliche Räume und die Erfahrung, dass Identität nicht nur auf Ausschluss beruhen muss.
Kurz gesagt: Hinduismus, Buddhismus und Christentum begegnen sich in Indien nicht nur in Lehrbüchern, sondern in Tempeln und Kirchen, in Dharamsala, Goa und Kerala – und am Esstisch. Genau diese gelebte Vielfalt steht im Mittelpunkt dieser Seite.
In Goa und Kerala haben sich Gerichte entwickelt, die portugiesische bzw. syrisch-christliche Einflüsse mit lokalen Zutaten verbinden. Vindaloo, Sorpotel und Bebinca stehen für die indo-portugiesische Küche Goas; in Kerala prägen Appam, bestimmte Fleischgerichte der Thomaschristen und die gemeinsame Teilnahme am Onam-Festmahl den Alltag. Zwei Rezepte zum Nachkochen finden Sie unten.
Geschichtete Süßspeise aus Kokosmilch, Eigelb und Zucker – klassisches Festtagsdessert der goanischen Christen. In Deutschland gelingt sie im Backofen.
Zutaten (Form ca. 20–22 cm, etwa 8–10 Schichten):
Zubereitung:
Lassi ist eines der bekanntesten Getränke Indiens. Mit mildem Kefir entsteht eine probiotische Variante – eine geschmackvolle und gesunde Begegnung indischer Küchentradition mit Fermentation.
Zutaten (für 2 große Gläser):
Zubereitung:
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